Mein Name ist Lea und ich studiere Spanisch und Englisch auf Lehramt. Vor ungefähr einem Jahr habe ich mich dazu entschieden, ein Auslandssemester zu machen und recht schnell fiel dann dabei die Wahl auch auf Chile, da die Universidad de Concepción eine der wenigen Partneruniversitäten der Uni Graz in Lateinamerika ist, an der man auch Englischkurse belegen kann.
Sicher, dass ich fliegen würde, war ich aber erst zwei Wochen vor Abflug, da ich bis dahin immer noch nicht die offizielle Aufnahmebestätigung der Uni erhalten hatte. Irgendwann hieß es dann aber doch, meiner Familie und meinen Freunden Adiós zu sagen und mich auf den Weg zu machen. Nach insgesamt 17 Stunden Flug und 3x umsteigen kam ich nun endlich ein paar Tage vor Unistart in Concepción an.
Meine ersten Tage verbrachte ich damit, mich gegen den Jetlag zu wehren (6 Stunden Zeitunterschied zu Österreich) und die Umgebung kennenzulernen. Außerdem nahm ich am Freitag vor Unistart an einer Führung des Universitätscampus teil, welche von der UdeC (Universidad de Concepción) organisiert wurde. Diese war zwar sehr interessant, aber leider nicht unbedingt hilfreich, da es mehr um die Geschichte der Universität ging als um die sich dort befindenden Gebäude. Dennoch hatte ich Glück und meine Mitbewohnerin bot sich an, mir am nächsten Tag noch einmal das Unigelände zu zeigen, damit ich nicht ganz ohne Orientierung und Plan in meine ersten Tage an der Uni starten würde (es ist sehr leicht, sich auf dem Unicampus zu verirren, denn dieser ist 45 Hektar groß – ca. 5x so groß wie der Campus der KF- laut Google).
Somit startete ich nun in meine erste Woche. Natürlich war ich immer noch ein wenig verloren, jedoch sind die Studierenden an der Uni wirklich sehr freundlich und hilfsbereit, zumindest die, die ich nach dem Weg oder einem Raum gefragt habe. Ein Chaos war die erste Woche jedoch trotzdem, denn die Kurse, welche ich zuvor gewählt hatte, überschnitten sich fast alle und ich war sowieso in keinem Kurs eingeschrieben, was an sich kein wirkliches Problem ist, jedoch bedeutete dies auch, dass wenn es einen Raumwechsel gab, ich nicht informiert wurde, weil ich nicht im E-Mail-Verteiler war. Außerdem hatte ich keinen Zugriff auf die universitären Services wie Canvas (=Moodle), INFODA (ähnlich zu UGO/ hier findet man seine Matrikelnummer) und somit hatte ich auch keinen Zugangscode zur Universitätsbibliothek, denn dafür braucht man einen selbstgenerierten QR-Code.
Natürlich klingt dies alles beschwerlich und nicht sonderlich angenehm, jedoch glaube ich, dass die Dinge, die uns am meisten weiterbringen, die uns am meisten helfen zu wachsen, genau diese Dinge sind- die schwierigen, die, die uns zwingen unsere Komfortzone zu verlassen. Und ich kann versprechen ich habe die letzten Wochen oft meine Komfortzone verlassen- da ich generell ein eher schüchterner Mensch bin- aber ich habe ausschließlich positive Erfahrungen gemacht. Egal ob Studierende oder Professor*innen, ob Sekretär*innen oder Personal der UdeC, alle waren bereit mir zu helfen und haben ihr Möglichstes getan, um mir den Start zu erleichtern.
Vor allem aber bin ich unglaublich dankbar für meine Mitbewohnerinnen. Ich habe mir von Österreich aus eine Wohnung in Chile gesucht mit zwei Mitbewohnerinnen, welche auch an der UdeC studieren, aber keine Austauschschülerinnen sind. Natürlich ist das immer eine Frage des Glücks, denn nach nur einem Facetime-Call kann man nicht mit Sicherheit sagen, ob die Chemie stimmen wird oder nicht. Ich jedoch hatte riesiges Glück. Meine Mitbewohnerinnen nahmen mich mit offenen Armen auf und integrierten mich von Anfang an. Außerdem sahen sie es als ihre Aufgabe an, mir einen Crash-Kurs in chilenischem Spanisch zu geben, damit ich die Menschen um mich herum besser verstehe, denn ich kann sagen, obwohl ich seit 3 Jahren Spanisch studiere, ist „chilenisches“ Spanisch nicht wirklich einfach zu verstehen.
Die unter anderem wichtigsten (umgangssprachlichen) Wörter, welche mir beigebracht wurden, sind: „tomar (las) once“ (jausnen/ am Abend), „por una luca“ (für 1000 Pesos) „bacán“ (cool) „sipo“ ( ja natürlich), “completo“ (Hotdog / chilenisches Nationalgericht) „dar paja/flojera“ (unmotiviert sein etwas zu tun/ keine Lust haben) und mein Favorit „pololo/-a“ (feste/r Freund/in)- dies half beziehungsweise hilft mir immer noch sehr in meinem Alltag weiter. Außerdem sind meine Mitbewohnerinnen wirklich geduldig mit mir und versuchen, wenn ich ein Wort nicht verstehe, es mir auf Spanisch zu erklären und wenn auch dies nicht funktioniert, dann suchen sie die deutsche Übersetzung für mich.
Im Gegenzug dazu habe ich ihnen natürlich die wichtigsten Wörter des österreichischen Deutsch beigebracht und nun können sie sich nicht nur auf Deutsch vorstellen, sondern auch ohne größere Probleme „Oachkatzlschwoaf“ sagen. Die Feuerprobe haben sie also mit Bravour gemeistert.
Auch ein paar Ausflüge haben wir schon gemeinsam unternommen, wie ihr an den nachfolgenden Fotos sehen könnt:
Auf den ersten Monat in Chile folgte ein ganz besonderer Monat, und zwar der September, denn dies ist der Monat des Nationalfeiertags. Wie der österreichische Nationalfeiertag begangen wird, ist mit dem chilenischen absolut nicht zu vergleichen. In Chile wird nicht nur ein Tag gefeiert, sondern oft fast eine ganze Woche. Bereits Ende August wurde über den kommenden Nationalfeiertag gesprochen, und mir wurde von meinen Mitstudierenden, aber auch von meinen Professor*innen gesagt, dass mir der September hier gefallen würde – und recht hatten sie. Schon Ende August wurde dekoriert: Überall fand man chilenische Flaggen und Girlanden in den Farben der chilenischen Flagge, und die Vorfreude war förmlich spürbar.
Die Woche des Nationalfeiertags war für uns unifrei, also beschlossen eine Freundin und ich, die paar Tage vor dem 18. September zu nutzen, um Chile ein wenig zu erkunden. Wir entschieden uns, mit dem Bus Richtung Süden zu fahren, also machten wir uns am Samstag um 1 Uhr nachts auf, um gute acht Stunden nach Puerto Varas zu fahren. Der Bus ist eine super Reisemöglichkeit innerhalb von Chile, da die Sitze sehr gemütlich und geräumig sind und man so auf der Fahrt auch ein wenig schlafen kann.
Der Anfang unseres Trips verlief jedoch nicht wie geplant, denn wir kamen gegen 9 Uhr in Puerto Varas mit Sack und Pack an, und kaum waren wir ausgestiegen, begann es in Strömen zu schütten. Davon ließen wir uns jedoch nicht beirren, und nachdem der Regen ein wenig nachgelassen hatte, begannen wir, die Stadt zu erkunden. Puerto Varas ist merklich vom Einfluss deutscher Siedler geprägt und steht in starkem Kontrast zu anderen Städten Chiles. Bemerkbar macht sich dieser Einfluss durch die Holzhäuser, welche sonst nicht unbedingt üblich sind, aber auch beim Essen. Es gibt sehr viele Kaffeehäuser, welche „Kuchen“ anbieten (ja, die Chilen*innen nennen Kuchen auch Kuchen), und auf der Speisekarte findet man sogar Schnitzel.
Auf unserem Ausflug besuchten wir einen Nationalpark, bestiegen einen Vulkan – auf welchem sogar Schnee lag, und man skifahren konnte – machten eine Bootstour und besuchten einen nahegelegenen Ort namens Frutillar. In Frutillar ist der deutsche Einfluss noch spürbarer; im Ort findet sich sogar eine deutsche Flagge, und außerdem gibt es hier ein Museum der deutschen Kolonien, welches wir natürlich auch besuchten.
Nach ein paar großartigen und ereignisreichen Tagen machten wir uns schließlich wieder auf den Heimweg, um den Nationalfeiertag nicht zu verpassen. Am 18. September selbst kochten wir gemeinsam Sopaipillas und Pichanga, typisch chilenische Gerichte, und ich probierte zum ersten Mal Terremoto („Erdbeben“), ein Getränk aus Wein, Ananaseis und Grenadine. Am Abend besuchten wir dann eine Fonda, eine typische Feier; dort wurde Cueca (typisch chilenischer Tanz) getanzt und Musik gespielt.
Für mich persönlich war es sehr schön zu sehen, wie stolz die Chilen*innen auf ihr Land sind und wie gern sie dieses feiern. Der Nationalfeiertag schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Gemeinschaft.
Die Woche des Nationalfeiertags bestand jedoch leider nicht nur aus Feiern und Reisen, denn obwohl wir keine Kurse hatten, bekamen wir viele Aufgaben von unseren Professor*innen, welche über diesen Zeitraum zu erledigen waren. Außerdem bat mich eine Englischprofessorin, eine Präsentation über Österreich vorzubereiten, um sie dem ganzen Kurs zu präsentieren, wozu ich natürlich zusagte.
Das Arbeitspensum an der UdeC ist nicht zu unterschätzen: Ich hatte in jedem meiner Kurse mindestens zwei Prüfungen und dazu noch eine Präsentation zu halten oder eine Seminararbeit zu schreiben. Dennoch sollte erwähnt werden, dass die Professor*innen sehr hilfsbereit waren und man sich jederzeit an sie wenden konnte. Viele der Professor*innen kamen am Anfang auf mich zu und sagten, dass ich, falls ich etwas aufgrund der Sprachbarriere nicht verstehen würde, jederzeit nach der Stunde zu ihnen kommen könnte und sie mir alles noch einmal in Ruhe erklären würden. Dies fand ich wirklich ausgesprochen nett, und dadurch fühlte ich mich auch deutlich entspannter in den Kursen.
Nach der Woche der Nationalfeiertage begann es wärmer zu werden in Chile, denn der Frühling stand nun endlich vor der Tür. Dies bedeutete, dass meine Mitbewohnerinnen und ich beschlossen, die Wochenenden zu nutzen, um nahegelegene Strände zu besuchen. Ich genoss es, am Strand zu sein, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch kein Badewetter war.
Strandbesuche waren bei uns jedoch nicht ausschließlich mit Entspannung verbunden, denn nicht nur der Weg zum Strand wurde meistens schon zum Abenteuer (steile Auf- und Abstiege und meist ca. eine Stunde Wanderung), sondern auch dort angekommen saßen wir nicht nur im Sand, denn meist kletterten wir auf irgendwelchen Felsen nahe des Ufers herum, um Meerestiere zu finden, da eine meiner Mitbewohnerinnen Meeresbiologie studiert. Und tatsächlich: Von Seesternen bis zu Oktopoden war alles dabei.
Nicht nur lernte ich viel über die einheimischen Meeresbewohner, sondern auch über die heimischen Vogelarten, denn meine andere Mitbewohnerin studiert Naturschutz (Conservation) und liebte es, uns alles zu den verschiedenen Arten zu erklären. Oft blieben wir am Weg stehen, lauschten dem Vogelgezwitscher oder versuchten gar, die Vögel in den Bäumen zu entdecken.
Zwischen Unistress und Wochenendausflügen begann die Zeit sehr schnell zu vergehen, und plötzlich brachen schon die letzten paar Wochen meines Aufenthaltes an…