Mit dem Segelboot nach Chile
Mein Auslandssemester an der Universidad de Concepción in Chile beginnt im März 2025. Unterwegs bin ich aber schon seit Oktober. Warum? Ich habe mir in den Kopf gesetzt, bei meiner Anreise auf Flüge zu verzichten. So kommt es, dass ich im Moment in einer Nussschale sitze, die ziemlich heftig durch die Wellen schaukelt und derzeit angeblich der ISS näher ist als jedem Festland auf der Erde. Da Internet mitten am Atlantik nur spärlich verfügbar ist, konnte letzteres allerdings nicht eindeutig überprüft werden.
Angefangen hat meine Reise am Grazer Hauptbahnhof, mit meinem Rucksack am Rücken und einem Interrailticket in der Hand (bzw. am Handy). Erstaunlicherweise ließen mich die Verbindungen durch Schweiz, Frankreich und Spanien nicht im Stich und ich kam nach zwei Tagen Zugfahren in Malaga an. Beherbergt wurde ich dort von einem Freund auf Erasmus Semester. Er wollte mir glaubhaft machen, dass er außer am Strand auch Zeit auf der Uni verbringt. Mit der Fähre ging es schließlich weiter zu den Kanarischen Inseln. Der Abend an Bord war dank der guten Gesellschaft und der preiswerten Getränke äußerst unterhaltsam, die Nacht dann eher ungemütlich.
Auf Lanzarote angekommen nahm mich mein brasilianisch-australischer Kapitän in Empfang und ich bezog meine Koje auf dem Segelboot, das mich bis in die Karibik bringen sollte. Nachdem der Proviant besorgt und der Rest der vierköpfigen Crew eingetroffen war, stachen wir in See. Das Ziel war zunächst die Kap Verd‘sche Inselgruppe. Highlights der 7-tägigen Überfahrt waren die häufigen Besuche von Delfinen, die Sichtung eines riesigen Hais (ca. 15 min nachdem wir alle im Wasser waren) und die vier geangelten und verspeisten Fische.
Auf den Inseln Sal und Sao Vicente genossen wir das feste Land unter den Beinen und das fast schon karibische Flair. Als bitterer Beigeschmack bleibt jedoch auch die allgegenwärtige Armut, mit der ich oft schwer umgehen kann. Da ich mich auf dem ersten Teil unserer Reise als seefester Koch bewährt habe, wurde mir sogleich die Beschaffung des weiteren Proviants aufgetragen. Vier Männer für zwei bis drei Wochen auf hoher See mit begrenzten Kühlkapazitäten – gar nicht so leicht! Dafür ist mein Portugiesisch jetzt so weit, dass ich am Markt halbwegs erfolgreich über den Preis von Zwiebeln und Papayas verhandeln kann – learning by doing…
Jetzt sind wir also schon acht Tage unterwegs und bis wir die karibische Insel Grenada erreichen, wird es wohl noch weitere acht Tage dauern. Inzwischen vertreibe ich mir die Zeit mit Lesen, Kochen und Kreuzworträtseln. Die Umgebung ist sehr eintönig, außer Meer und Himmel sind nur Wolken zu sehen, das letzte Boot haben wir vor vier Tagen gesichtet. Während der Nachtschichten ist es schon spannender: Am Himmel kann man Sternschnuppen und Satelliten zählen und dabei hoffen, dass man nicht von einem fliegenden Fisch getroffen wird. Kein Scherz.
Mittlerweile sind wir gut auf Grenada angekommen. Die zweite Hälfte der Überfahrt war geprägt von hohen Wellen und starkem Wind. Das daraus resultierende Schaukeln macht einfach alles mühsamer: Kochen, abwaschen, gehen, sitzen und vor Allem schlafen. In der Nacht wurden wir außerdem regelmäßig mit kurzen aber heftigen Regenschauern beglückt. Dementsprechend waren wir überglücklich als nach 15 Tagen die Lichter von Grenada am Horizont auftauchten.
Mein Segelboot hat hier seine vorübergehende Endstation erreicht und so musste ich meine Fühler nach einem Boot Richtung Westen ausstrecken. Nachdem unsere Nachbarn eine chilenische Flagge auf ihrem Katamaran hatten, stattete ich ihnen kurzerhand mit dem Beiboot einen Besuch ab und fand heraus, dass sie nicht aus Chile sondern aus Texas sind (sehr ähnliche Flagge mit hohem Verwechslungspotential). Wie es der Zufall so will, segeln sie aber in einer Woche nach Curacao, was genau meiner Richtung entspricht. Mein Tritt ins Fettnäpfchen wurde mir scheinbar verziehen, denn sie boten mir an mit meinen sieben Sachen an Bord zu kommen und sie nach Curacao zu begleiten. Bis dahin bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als diese Insel mit ihren saftig grünen Regenwäldern, weißen Sandstränden und bunten Häusern zu erkunden. Die Grenadians sind natürlich auch schon voll in Weihnachtsstimmung, mein derzeitiger Ohrwurm und Musiktipp des Tages: „Santa looking for a Wife“ von Bindley B.
Scrolle weiter runter, nach der Bilderstrecke folgt Teil 2 der abenteuerlichen Reise!
Das Leben auf meinem neuen Katamaran gestaltete sich äußerst luxuriös, zumindest für meine Verhältnisse. Außerdem nahmen meine Gastgeber auch eine junge Französin mit, die ebenfalls bereits über den Atlantik gesegelt und auf dem Weg nach Ecuador war. Die dreitägige Überfahrt nach Curacao verlief ohne Zwischenfälle. Kurz vor Erreichen unseres Ziels versagte jedoch plötzlich unser Steuer, sodass wir abgesehen vom Autopilot defacto manövrierunfähig waren. Dementsprechend mussten wir uns vom Dutch-Caribbean Coastguard durch den schmalen Eingang der Lagune ziehen lassen, um dort sicher ankern zu können.
Der Kapitän und ich machten uns sogleich auf die Suche nach dem Problem und fanden ein gerissenes Stahlseil vor. So waren wir die nächsten Tage mit Reparaturversuchen und Ersatzteilsuche beschäftigt. Margaux, meine französische Reisegenossin, und ich klapperten außerdem mit dem Beiboot alle Segelboote in der Umgebung ab, in der Hoffnung, jemanden am Weg nach Kolumbien zu finden. Nachdem wir fortlaufend Absagen erhielten, hatte ich schon die Befürchtung, dass mein Unterfangen hier scheitern könnte und ich wohl oder übel fliegen müsste, um es bis zu Semesterbeginn nach Chile zu schaffen. Eines Morgens tauchte jedoch ein Schweizer, dem wir schon zuvor einen Besuch abgestattet hatten, bei uns am Boot auf und verkündete, er und seine Frau hätten doch vor nach Kolumbien zu fahren und könnten dafür auch vier helfende Hände gebrauchen.
Mein Weihnachtsgeschenk kam also einen Tag zu früh, denn vom 23. auf 24. Dezember setzten wir bereits mit unseren neuen „Boots-Eltern“ nach Aruba über. Dort verbrachten wir die Weihnachtstage am Strand und installierten neue Batterien am Boot, bevor wir erneut unsere Segel setzten - Kurs Richtung Kolumbien. Nach drei Tagen mit starkem Wind und hohen Wellen kamen schließlich die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada de Santa Marta in Sicht. Die Straßen von Santa Marta waren voll mit kolumbianischen Touristen, die extra für Silvester angereist waren. Das bunte Treiben verpasste mir nach den zwei Monaten auf See auch gleich einen leichten Kulturshock, der allerdings schnell überwunden war. Auch wenn ich etwas Wehmut verspürte, da meine Seereise hier zu Ende ging, überwog eindeutig die Vorfreude auf den Kontinent, der mir nun wortwörtlich zu Füßen lag.
Die Rucksäcke waren schnell gepackt und so brach ich mit Margaux und einer Million Pesos in der Tasche (ca. 230€) nach Minca, einem nahegelegenen Bergdorf, auf. Wir genossen den festen Boden unter den Füßen und an meinem Geburtstag mieteten wir ein Motorrad, um die Wasserfälle im umliegenden Dschungel zu erkunden.
Danach ging es mit dem Nachtbus weiter nach Medellin. An Schlafen war leider nicht zu denken, der Busfahrer musste nämlich auf den kurvigen Bergstraßen für seinen nächsten Formel 1 Grand Prix trainieren. Medellin, in einem Tal zwischen zwei Gebirgsketten der Anden gelegen, hinterließ einen starken Eindruck bei mir. Bis vor kurzem noch als gewaltgeprägte Kartellhochburg bekannt, zeigt es sich heute als wahnsinnig vielfältige Metropole. Dank seiner Bus-, Straßenbahn- und Metrolinien kommt man außerdem schnell von A nach B, die Viertel an den steilen Talhängen sind durch mehrere Seilbahnen erschlossen.
Als nächstes machte ich in Salento, einem herausgeputzten Ort am Fuße der Berge, halt. Zufällig erlebte ich gerade noch den letzten Abend eines einwöchigen Festes, das hier jeder Ort einmal im Jahr veranstaltet. Hauptsponsor und dementsprechend beliebtestes Getränk war „Auguardiente“ (wortwörtlich: brennendes Wasser), ein Schnaps aus Zuckerrohr und Anis.
Nachdem der Kater überstanden war, traf ich mich mit einem Grazer Freund, der auch gerade in Kolumbien unterwegs war. Als Österreicher zog es uns natürlich gleich in die Berge und so machten wir uns zu einer dreitägigen Wanderung in den Nationalpark „Los Nevados“ auf. Highlights und Namensgeber des Parks sind mehrere vergletscherte Vulkane, teilweise über 5000 Meter hoch. Da wir unsere Steigeisen jedoch zu Hause vergessen hatten, begnügten wir uns mit dem Ausblick auf den „Nevado de Tolima“ und spazierten durch den Páramo, eine typische Vegetationsform in den Höhenlagen der Anden. Die Nächte verbrachten wir auf einem Bergbauernhof auf knapp 4000 Metern, jeweils unter drei dicken Wolldecken.
Wieder im Tal zog ich weiter nach Cali, der international anerkannten Hauptstadt der Salsa. Sie wird ihrem Ruf auch tatsächlich gerecht, denn schon tagsüber dröhnt von allen Seiten Salsa Musik und abends schwingen dann alle die es können das Tanzbein. In meinem Hostel wurden Tanzkurse angeboten und so konnte auch ich meine Salsa und Bachata Kenntnisse etwas auffrischen. Jeden Freitag trifft man sich dann in der „Calle del Sabor“ und feiert dicht gedrängt bis in die Morgenstunden.
Auch wenn ich noch gerne länger in Kolumbien geblieben wäre, rückte mein Uni Start in Chile stetig näher und ich hatte noch einen langen Weg vor mir. So brach ich Richtung Ecuador auf. Das Gemeinschaftstaxi zur Grenze brachte mich und die anderen Insassen direkt auf die ecuadorianische Seite. Dort angekommen stiegen alle gleich in einen Minibus in den nächsten Ort ein. Grenzkontrolle keine Spur. Ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen und ging zurück über die Brücke nach Kolumbien. Mit einem besseren Gefühl und einem offiziellen Ausreisestempel stapfte ich dann wieder nach Ecuador.
Nach einem kurzen Stopp in Otavalo machte ich einige Tage in Quito Halt. In der Seilbahn zu einem Aussichtspunkt (auf 4000m) lernte ich drei Einheimische kennen, die gerne meine Fragen zu ihrem Land beantworteten. Wir genossen den imposanten Ausblick auf die höchstgelegene Hauptstadt der Welt und spazierten danach noch gemeinsam durch die koloniale Altstadt. Ich probierte nebenbei allerhand Streetfood, das an jeder Ecke angeboten wird. Mein Highlight: „Huevos Chilenos“ – Frittierte Germteigbällchen mit Kristallzucker.
Einer meiner neuen Freunde hatte gerade Urlaub und wir beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam mit dem Bus nach Baños zu fahren. Dort gab es nämlich neben vielen Wasserfällen auch einen 5000 Meter hohen Vulkan, der darauf wartete, bestiegen zu werden. Gemeinsam mit zwei weiteren Abenteuerlustigen aus unserem Hostel stiegen wir zunächst vier Stunden durch Gatsch und Regen zu einem Schutzhaus auf. Nachdem wir gekocht und gegessen hatten, stand eine kalte Nacht im Matratzenlager bevor. Mit viel Mühe krochen wir schon um 03:30 wieder aus unseren Schlafsäcken und machten uns mit Stirnlampen zum Gipfelsturm bereit. Kaum unterwegs begann es allerdings schon wieder zu regnen. In Kombination mit dem immer stärker werdenden Wind sahen wir uns gezwungen nach einer Stunde wieder umzukehren. Der Ausblick auf die um-liegenden Vulkane „Chimborazo“ und „Cotopaxi“ sollte uns leider verwehrt bleiben. Aber wie mein Vater gerne sagt: Lieber einmal feig als immer tot!
Nach so viel Nässe und Kälte sehnte ich mich nach einem wärmeren Ort und setzte mich in einen Bus in die Amazonasregion Ecuadors. Dort ist es zwar auch feucht aber wenigstens warm! Die Busfahrt hinunter durch das steile Tal war auch akademisch sehr interessant für mich; so konnte ich durch das Fester zahlreiche Felsstürze und Erdrutsche auf der anderen Talseite entdecken.
Auch meine Fahrt verzögerte sich um eine Stunde, da die Straße nach einem Steinschlag neu asphaltiert werden musste.
Den Naturgefahren der Berge entgangen verbrachte ich einige Tage im Regenwald. Kaum angekommen, nahm der Hostelbesitzer mich und den einzigen anderen Gast gleich zum „Guabas“ Ernten mit. Im Bachbett stehend versuchten wir mit einem langen Stock die etwa 50 cm langen Schoten vom Baum zu holen. Man isst schließlich das pelzig weiße Fruchtfleisch, das die Kerne umhüllt – erstaunlich süß und saftig! Ebenfalls erstaunlich waren die riesigen Flüsse, die Unmengen an Wasser von den Anden Richtung Osten transportieren. Nach drei Tagen war meine gewaschene Wäsche auch endlich trocken und ich konnte Richtung Cuenca weiterfahren. Die Busfahrt über die Berge war, wie so oft, landschaftlich spektakulär und ich wünschte mir, wie so oft, dass wir kurz stehenbleiben könnten, um die Aussicht zu genießen.
Cuenca präsentierte sich als herausgeputzte Kolonialstadt, die sonst allzu präsente Armut schien verschwunden (oder zumindest an den Stadtrand verbannt). Ich genoss meine letzten Tage in Ecuador und aß noch ein paar Mal das typische „Encebollado“, eine Fischsuppe mit viel Zwiebel – effektiv in der Katerbewältigung und auch sonst äußerst schmackhaft. Auch ein Abstecher ins Museum durfte nicht fehlen, denn ich wollte unbedingt die geschrumpften Köpfe der Shuar sehen. Dieses indigene Volk enthauptete nämlich ihre Feinde und kochte die Köpfe, nachdem Knochen und Innenleben entfernt war, stundenlang mit bestimmten Kräutern, bis diese nur mehr faustgroß waren. Wahnsinn.
Für mich ging es dann auch schon mit dem Nachtbus weiter nach Peru. Hier nahmen die Grenzbeamten ihren Job etwas ernster: Um ein Uhr Früh wurde der gesamte Bus geleert, alle Gepäckstücke durchleuchtet und von einem Polizeihund beschnuppert, der dann auch einmal durch den Bus durfte. Der Kilo kolumbianisches Koks, mit dem ich mir mein Auslandssemester finanzieren wollte, wurde nicht entdeckt und so durften alle nach einer Stunde wieder einsteigen und weiterfahren (Hierbei handelt es sich um einen Scherz. Mein Auslandssemester wird von einem großzugigen iStudy Stipendium und mühsam erspartem Geld finanziert).
In Máncora, einem Strandort im Norden Perus, machte ich als Erstes Halt und begann gleich, mich durch die weltberühmte peruanische Küche zu probieren. Wann immer möglich griff ich zu „Ceviche“ (roher Fisch mit Zitronensaft, Zwiebel und Koriander), oft als Vorspeise von äußerst günstigen Mittagsmenüs. Da leider gerade keine Wellen zum Surfen vorhanden waren, ging ich am Strand entlang laufen und kam dabei an einer toten Schildkröte und zwei toten Delfinen vorbei, die anschließende Google Scholar Recherche ließ eine Vogelgrippewelle vermuten.
Mein nächster Nachtbus brachte mich nach Huanchaco, wo ich endlich auf meine Kosten kam, was das Surfen betrifft. Ich nutzte die guten Wellen voll aus und verbrachte jeden Tag zweimal zwei Stunden im Wasser. Fürs Mittagessen hatte ich auch bald mein Stammlokal gefunden, wo man für 10 Soles (2,50€) ein äußerst schmackhaftes Zwei-Gänge-Menü mit Getränk erhielt. Für große Unternehmungen reichte meine Energie nach den Surfsessions nicht mehr und so beschränkten sich meine Aktivitäten abseits der Wellen auf Essen und Schlafen.
Nach fünf Tagen Surf-Retreat war es allerdings an der Zeit, der Realität ins Auge zu blicken: Ich sollte in zwei Wochen bei meiner Uni in Chile auftauchen, bis dorthin lagen allerdings noch etwa 4500 km vor mir (Mehr als ich in den letzten 7 Wochen zurückgelegt hatte). Ich musste meine Reisegeschwindigkeit also wohl oder übel erhöhen. Das bedeutete lange Nachtbusfahrten und kürzere Aufenthalte dazwischen – Ein bis zwei Nächte zur Erholung und weiteren Planung, keine großen Unternehmungen. Wenigstens konnte ich mich damit vertrösten, dass ich nach meinem Semester zurückkommen würde, um Peru etwas gründlicher zu erkunden.
Mein nächster Stopp war Lima. Am Busterminal angekommen, ging es erstmal eine Stunde lang dicht gedrängt im Stadtbus zu meinem Hostel, das auf der anderen Seite der 11 Millionen Stadt lag. In der morgendlichen Rush Hour versuchten Leute bei jeder Haltestelle sich in den bereits zum Bersten gefüllten Bus zu drücken – meist vergeblich. In meinen zwei Tagen in Lima erkundete ich die nähere Umgebung, kam aber nicht über die Grenzen meines Viertels hinaus. Mal abgesehen von einer nächtlichen Besichtigung der Fortgehmeile.
Eine 18 Stunden lange Busfahrt später (wenigstens oben im Doppeldecker ganz vorne) erreichte ich Arequipa, eine lebhafte Stadt im Landesinneren, umgeben von über 5000m hohen Vulkanen. Von diesen war allerdings nichts zu sehen, denn die Regenzeit hatte die Stadt fest im Griff. Ich besuchte eine der örtlichen Markthallen (immer ein guter Tipp), wo man grundsätzlich von der Avocado bis zur Stehleiter und frischem Thunfisch alles bekommt. Außerdem nutzte ich noch die guten und günstigen peruanischen Menüs aus, denn mein nächster Reisetag sollte mich schon nach Chile bringen. Bei der Ausfahrt aus Arequipa verzogen sich die Regenwolken tatsächlich und ich bekam als Abschiedsgeschenk noch die zwei schneebedeckten Vulkane zu sehen. Die Fahrt Richtung Süden führte durch eine staubtrockene Wüstenlandschaft, lediglich auf den Talböden der aus den Anden kommenden Flüsse kann hier Landwirtschaft betrieben werden. In Tacna stieg ich um und erreichte am späten Nachmittag die chilenische Grenze. Das Prozedere von Aus- und Einreise dauerte wie üblich etwas, verlief aber ohne Zwischenfälle und ich betrat zum ersten Mal chilenischen Boden.
Bald nach der Grenze ließ ich mich in Arica nieder, um mich einen Tag zu erholen. Dem Regen der peruanischen Berge entgangen, genoss ich das warm-trockene Klima am Strand. Am Abend fragte ich den Hostelbesitzer, wann es hier im Jahr regnet. Seine Antwort: Nie! Auch die Weiterfahrt nach Iquique war geographisch sehr interessant für mich, da ich bisher wenig Berührungspunkte mit solch ariden Gebieten hatte. Nach meiner Nacht in Iquique deckte ich mich mit reichlich Empanadas ein und bestieg den voraussichtlich letzten Nachtbus meiner Reise, dafür aber nochmal gleich 18 Stunden am Stück. Mittlerweile war ich aber bereits ein geübter Nachtbusfahrer, außerdem hatte ich mir einen etwas teureren, dafür deutlich komfortableren, „Salón cama“-Sitz in der ersten Reihe gegönnt. Nur der Stopp an einer Regionalgrenze war etwas mühsam. Es mussten alle aussteigen, ihr Gepäck aus dem Laderaum holen, um es, wie am Flughafen, von Zollbeamten durchleuchten zu lassen. Bei über 60 Fahrgästen dauert das natürlich.
In La Serena hielt es mich nur eine Nacht, denn ich wollte noch unbedingt ein paar Tage in Santiago verbringen, bevor meine Uni in Concepción startete. Die Hauptstadt Chiles hatte mich auch gleich in ihren Bann gezogen. Obwohl sie mich sehr an spanische Städte erinnerte, war das latein-amerikanische Flair nach wie vor präsent. Aus dem Zentrum der sieben Millionen Metropole konnte man außerdem sogar zwei Gletscher in der Ferne erkennen, da sie direkt am Fuße der Anden liegt. An meinem letzten Tag war ich noch bei chilenischen Freunden zum Grillen eingeladen, die ich auf einer früheren Segelreise kennengelernt hatte. Dabei bekam ich gleich einen Crashkurs in chilenischem Spanisch, das mir zuvor schon einiges an Kopfzerbrechen bereitet hatte.
Im Bus nach Concepción realisierte ich, dass meine viereinhalb Monate lange Odyssee nun tatsächlich zu Ende gehen würde. Gleichzeitig konnte ich es nicht erwarten, mein Auslandssemester zu beginnen, endlich wieder sesshaft zu werden und Leute kennenzulernen, die länger als ein paar Tage in meinem Leben bleiben würden.
Meine ersten Tage in Concepción waren allerdings alles andere als von Erfolg gekrönt. Abgesehen davon, dass die Wohnungssuche doch nicht so einfach wie gedacht war, scheiterte ich auch kläglich dabei, mir eine chilenische Sim-Karte zuzulegen. Bei fast allen Mobilfunkanbietern benötigt man eine chilenische Ausweisnummer, um eine neu gekaufte Sim-Karte zu aktivieren. Als ich endlich eine funktionierende Sim-Karte gefunden hatte, versuchte ich vergeblich auf verschiedenste Arten Guthaben aufzuladen. Zwei Tage und viele Stunden auf Websites, in Kundencenters und in Warteschleifen später war ich keinen Schritt weiter. Ohne Internet am Handy konnte ich mit potenziellen Vermietern nur mit WLAN-Verbindung kommunizieren, was die Sache nochmal komplizierter machte. Es war extrem frustrierend den ganzen Tag in der Stadt unterwegs zu sein und trotzdem am Abend nichts von dem geschafft zu haben, was ich mir vorgenommen hatte.
Bald begannen die Dinge jedoch ihren Lauf zu nehmen. Ich lernte die ersten anderen Austauschstudenten kennen, fand ein super Zimmer ganz in Uni Nähe und brachte sogar eine nette Handyshop Mitarbeiterin dazu, mir eine Sim-Karte mit ihrer Ausweisnummer zu entsperren. Das Univiertel und der Campus verwandelten sich bei Uni-Start in die lebendigsten Teile der Stadt und nachdem meine dringendsten Bedürfnisse gedeckt waren, konnte ich beginnen den Spätsommer zu genießen und mich auf meine neue Situation einzulassen. In den Secondhandläden der Stadt erweiterte ich außerdem meine Garderobe etwas, da ich auf meiner Anreise schließlich nur das Nötigste dabeihatte.
Auf der Uni musste ich erstmal den Großteil meiner geplanten Kurse über den Haufen werfen, hatte aber bald gute Alternativen gefunden. Aus Österreich war ich bereits mit einem B1 Level in Spanisch losgezogen und hatte auf meiner Reise durch Südamerika natürlich noch viele Möglichkeiten, um weiter zu üben. Trotzdem hatte ich Bedenken, wie ich in meinen Kursen, allesamt auf Spanisch, zurechtkommen würde. Außerdem ist Chile berüchtigt dafür, dass dort die schwierigste Spanischvariante von allen gesprochen wird. Das stimmt leider. Die Chilenen verwenden wahnsinnig viele Redewendungen und Wörter, die über die Landesgrenzen hinaus völlig unbekannt sind. Wenn dann noch schnell gesprochen wird oder Wortteile verschluckt werden, kann es schon sein, dass man zwei- bis dreimal nachfragen muss. In den Lehrveranstaltungen hatte ich zwar tatsächlich wenig Probleme, wenn hingegen meine StudienkollegInnen untereinander redeten, stieg ich meistens schnell aus. Die Sprachbarriere war eindeutig größer als ich erwartet hätte.
Unter der Woche stellte sich bald ein Uni-Alltag ein. Nach den Monaten auf Reise war das sogar angenehm, da ich mich nicht täglich auf eine neue Umgebung einstellen musste. Kaum war das Wochenende da, zog es mich allerdings meist in die Berge. Gemeinsam mit anderen Berg-affinen KollegInnen unternahm ich fast jedes Wochenende mehrtägige Wanderungen in der Region. Die Nächte verbrachten wir an einigen der unzähligen Bergseen, einmal schlugen wir unsere Zelte sogar neben einem heißen Thermalbach auf 2000m Höhe auf. Für mich waren diese Wochenenden natürlich gleichzeitig akademische Exkursionen, mit meiner geographischen Brille konnte ich mich gar nicht sattsehen.
Zurück in Concepción wurde der Streik um eine weitere Woche verlängert und so sah ich meine Chance gekommen, doch noch vor Wintereinbruch nach Patagonien zu kommen. Diesmal in einem Bus Richtung Süden überquerte ich erneut die argentinische Grenze und machte ein paar Tage in Bariloche Pause, bevor ich durch die Pampa in den äußersten Süden des Landes weiterfuhr. In El Chaltén und El Calafate bekam ich die spektakulären Bergkulissen und enormen Gletscher abseits der sommerlichen Touristenmassen zu sehen und begann die unglaubliche Anziehungskraft der Region zu begreifen. Im chilenischen Teil Patagoniens klopfte dann doch schon der Winter an. Der Weg zu den berühmten Torres del Paine führte nach einem nächtlichen Schneefall durch eine frisch angezuckerte Winterlandschaft und die klirrend kalte Luft belebte die Atemwege.
Auch wenn ich mit Patagonien bei weitem noch nicht abgeschlossen hatte und mir schwor, eines Tages zurückzukommen, um im Sommer seine hintersten Winkel zu erkunden, hatte ich vorerst genug vom Vagabundenleben. Ich hatte das Gefühl, mein Studentenleben in Concepción noch nicht vollständig ausgekostet zu haben. Doch auch nach meiner Rückkehr fielen die Abstimmungen Woche für Woche zu Gunsten einer Verlängerung des Streiks aus, der nun schon über einen Monat andauerte. Obwohl ich unter den anderen Austauschstudenten gute Freunde gefunden hatte und auch mein Volleyballkurs nach wie vor stattfand, begannen sich meine Tage ohne Uni leer anzufühlen. Zu allem Überfluss schleppte ich in dieser Zeit auch noch eine hartnäckige Erkältung mit mir herum, sodass ich mein Haus gezwungenermaßen noch weniger verließ. Insgesamt bildete ich mir ein, nicht so Anschluss gefunden zu haben, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Als ich meine Erkältung hinter mir gelassen hatte, begann ich auch wieder, aus meinem emotionalen Loch hervorzukriechen. Bei schönem Wetter unternahm ich mit meinen Freunden Ausflüge an die umliegenden Strände (auch wenn die kühlen Temperaturen nicht unbedingt zum Baden einluden), bei Regen setzten wir uns zusammen, um einen Film zu schauen oder Karten zu spielen. Einmal machte ich für meine chilenischen Mitbewohner eine riesige Fuhr Kaiserschmarrn.
Es wurde Juni und noch immer wollte der Streik nicht aufhören. Bei aller Sympathie für die Causa ärgerte ich mich immer mehr, da die Aussicht, doch noch ein halbwegs normales Auslandssemester zu verbringen, nun endgültig verschwunden war. In einigen meiner Kurse waren interessante Exkursionen und praktische Arbeiten geplant gewesen, die nun allesamt gestrichen wurden.
Mitte Juni, nach insgesamt zwei Monaten Streik und zwei Wochen vor offiziellem Semesterende, ging es dann endlich wieder zurück zur Uni. Um die verpassten Inhalte irgendwie unterzubringen, wurden drei Wochen ans Semester angehängt. Und obwohl mein letzter Monat in Concepción mit Präsentationen, Abgaben und Prüfungen nur so gespickt war, empfand ich es ohne Zweifel als die beste Zeit meines gesamten Austausches. Meine Tage waren wieder von vorne bis hinten gefüllt, fast so, als würde alles Verpasste nachgeholt werden. Eine Semester-Abschluss-Party folgte der anderen und während ich meine Austauschfreunde nacheinander verabschieden musste, unternahm ich immer mehr mit meinen chilenischen Uni KollegInnen. Wir lernten gemeinsam, machten Ausflüge und gingen nach den Prüfungen wohlverdient etwas trinken. Mein Spanisch (bzw. Chilenisch) war mittlerweile auch so weit, dass ich mühelos jeder Unterhaltung folgen, und mich so auch jederzeit einbringen konnte, wovon anfangs nur zu träumen war.
Bevor ich es bemerken konnte, waren aus Kollegen Freunde geworden und wir mussten traurig feststellen, dass uns nur noch wenige Wochen gemeinsam verbleiben würden. Sie hatten während des Streiks gedacht, ich wäre ohnehin ständig unterwegs und ich hatte gemeint, sie nicht gut genug zu kennen, um mich einfach so zu melden. So dauerte es bis zum Ende des Semesters, ehe wir bemerkten, dass wir uns eigentlich ganz gut verstanden. Ich hatte also wieder einmal die Lektion gelernt, dass man seinen Stolz und seine Scham besser zurücksteckt und nicht darauf wartet, dass andere Menschen auf einen zugehen. Vor allem, wenn man wie in meinem Fall nur sehr begrenzt Zeit hat. Es hat sich bei mir bis jetzt noch immer ausgezahlt, mir ein Herz zu fassen und aktiv auf
andere Menschen zuzugehen. Auf Solo-Reisen fällt mir das meistens ohnehin leichter, anscheinend war es aber während meinem Auslandssemester etwas verloren gegangen, da ich mir meine kleine Komfortzone aufgebaut hatte.
Die letzten Wochen in Concepción flogen nur so dahin und der Tag meiner Abreise war viel zu schnell gekommen. Schon die Tage davor hatte mich eine seltsame Stimmung begleitet. Die vielen letzten Male und emotionalen Abschiede manifestierten einerseits, dass es nun endgültig so weit war. Andererseits fühlte es sich nicht so an, als wäre dieser Abschnitt meines Lebens einfach so vorbei, als ich im Bus saß und die Stadt hinter mir ließ. Bis ich das begreife und alles in Worte fassen kann, was ich in dieser Zeit über die Welt und mich gelernt habe, wird es bestimmt noch dauern.
Ich kann es jedem und jeder nur empfehlen einmal im Ausland zu studieren. Auch wenn es nicht immer nur einfach war, habe ich wahnsinnig tolle und wertvolle Erfahrungen gemacht, die ich um nichts in der Welt hergeben würde. Und die Höhepunkte sind nach gemeisterten Herausforderungen meiner Ansicht nach umso schöner.
Meine Reise ist übrigens noch nicht ganz zu Ende: Nach einem Zwischenstopp in San Pedro de Atacama treibe ich mich mittlerweile mit meiner Freundin in Bolivien herum. Auch den Süden Perus wollen wir in den nächsten Wochen noch etwas erkunden, bevor es von Lima mit dem Flugzeug nach Hause geht. Am liebsten wäre ich natürlich wieder zurückgesegelt, die Hurricane-Saison macht die Überquerung des Nord-Atlantiks im Sommer aber zu einem ziemlich gefährlichen und deshalb äußerst unbeliebten Unterfangen.
Nach elf Monaten ist die Zeit reif wieder heimzukommen, mein Studium wartet darauf endlich abgeschlossen zu werden und wenn ich meiner Mutter erzähle, dass ihr einziger Sohn noch ein halbes Jahr fortbleibt, um wieder zurückzusegeln, holt sie mich persönlich nach Hause. Abgesehen davon bin ich selbst auch bereit, wieder heimzukommen. Auch wenn ich das Vagabunden-Leben noch in vollen Zügen genieße, kann ich es kaum erwarten, meine Freunde und Familie nach so langer Zeit wieder in die Arme zu schließen und mit meinem Rad wieder durch die altbekannten Gassen zu flitzen.
Besonders würde es mich freuen, den einen oder die andere inspiriert zu haben selbst über nachhaltige Reiseformen nachzudenken. Auch wenn meine Aktion mit der Rückreise vielleicht etwas antiklimaktisch endet, zeigt sie doch, dass selbst weite Reisen ohne Flugzeug machbar sind. Ich bin nicht dafür, die Verantwortung für Klimaschutz jedem und jeder Einzelnen umzuhängen, während fossile Infrastrukturen weiterhin die Welt regieren. Ich meine allerdings, dass es leichter fällt, sich der Sache seriös und konstruktiv anzunehmen, wenn man nicht gleichzeitig massiv vom fossilen System profitiert. Schlussendlich geht es mir aber vor allem darum, zu zeigen, dass klimafreundlicheres Verhalten nicht automatisch Verzicht bedeutet. Der „Verzicht“ auf einen Langstreckenflug hat in meinem Fall zu einem Gewinn an Erfahrungen und Begegnungen geführt, die ich für immer behalten werde und die auf eine andere Art nie passiert wären.